Mittwoch, 6. Juni 2007
Stillleben 1

'Gomera'    6. Jun 2007, 00:15    Link    (0 Kommentare)   Kommentieren      400

 


Leaving LasVegasPlaya
Unausgeschlafen, aber frisch rasiert, radle ich morgens zum Hafen und besteige die Fähre nach Playa de Santiago, mit einer großen Tour im Sinn, von dort aufsteigen zum höchsten Punkt der Insel und hinab ins eigene Barranco. Kein Wölkchen am Himmel, und es ist schon ziemlich heiß, ich bin zu dieser Jahreszeit noch nie hier gewandert, und kaufe mir vorsichtshalber einen Strohhut, den einzig Nicolas Cage mit Würde tragen könnte, soll sich aber als Investition des Tages erweisen. Die ersten Kilometer führen über eine der beiden Asphaltstraßen aus dem Tal hinaus, im Tran nehme ich die falsche, bemerke das aber erst nahe der teuersten Cafeteria Europas, aber auch diese Route bringt mich ans Ziel, nur ein paar hundert Höhenmeter und Steilanstiege mehr, und leider nur als Abstiegswanderung beschrieben und gekennzeichnet, dass heißt viele Markierungen sind aufwärts gar nicht auszumachen und Wegbeschreibungen rückwärtslesen ist (zumindest für Männerhirne) nicht leicht. Schon bis Antoncojo bin ich zweimal leicht vom Weg abgekommen, es wird immer heißer, ich trinke viel und erfreue mich an einer leichten Briese, die über den weiten Hang geht, beschließe aber schon im nächsten Dorf Wasser nachzulegen, kann aber kein Geschäft oder Bar entdecken, es ist Mittagszeit und alles wie ausgestorben, na dann in Targa oder Guarimiar. An mehreren Staubecken vorbei, zur rechten immer den Teide im Blick, begegnet mir keine Menschenseele, nur diese witzigen Vögel. In Targa irre ich auf Wassersuche um die wenigen Häuser, nichts! Also weiter, denn jetzt, wo ich mich auf 700 Meter hochgearbeitet habe, steht mir dieser nicht eingeplante vierhundert Meter Steilabstieg nach Guarimiar bevor, immer knapp am Abgrund entlang, aber immer breit genug und mit wunderschönen Ausblicken in die Schlucht. Das obere Dorf, an dem der Weg vorbeiführt, ist unbewohnt und halb verfallen, zum Wasserholen ins bewohnte untere Dorf würde mich mehr als eine halbe Stunde kosten. Der Wanderführer sagt, 1,5 h im Abstieg nach Imada, ich habe gute Beine heut, und schaff das auch im Aufstieg, und Imada und den Rest der Tour kenne ich. Ich nehme kleine Schlucke aus der Flasche, knapp ein viertel Liter noch und schaue nach Quellen am Wegesrand, die im Winter öfter zu entdecken sind, einer dieser seltenen neuen Holzwegweiser zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin, und ich verlasse den großen grünen Barranco wie beschrieben linksseitig im steilen Anstieg in eine karge felsige Nebenschlucht, die sich nach und nach verengt und immer alpiner wird. Bald kann ich zwischen Geröllhaufen und Vegetation keinen richtigen Weg mehr ausmachen, aber da sich die Steilhänge links und rechts immer näher rücken, kann ich gar nicht weit abweichen. Hier geht kein Lüftchen mehr, und ich nehme nur noch winzige Schlucke, die ich lang im Mund halte. Nach gut einer Stunde und ordentlichem Höhengewinn schließen sich die Felswände auf einmal zu einem senkrechten riesigen trockenen Wasserfall, hier geht gar nichts mehr, ich hab das falsche Barranco erwischt. Somit ist das Ziel abrupt gestorben, jetzt nur zügig hinab, ans fotografieren denke ich nicht mehr. Pipettendosierung zum Rachenbefeuchten, ein wenig mulmig ist mir spätestens, als mir so gar nichts mehr bekannt vorkommt, und zunehmende Vegetation ein Durchkommen immer wieder verhindert, ich versuche mich über die Steine zerfallener Terasseneinfassungen zu etwas, das wie ein Pfad erscheint hinabzuarbeiten, werde aber von mächtigen spitzblättrigen Agaven und Widerhaken bewehrten Kakteen aufgehalten, muss wieder aufsteigen, seitlich durch klebrige Wolfsmilchgewächse quälen, wieder ein Stück runter und wieder rauf, eine einzelne Palme anvisierend, die mir eine kurze Schattenpause gönnt, mit den letzten Tropfen Agua in homöopathischen Einheiten die Lippen befeuchtet, dann endlich in der Ferne am Gegenhang des großen grünen Barrancos ein alter Schotterweg und wieder Orientierung, dann sogar die ersten Häuser, wenn ich nicht schlapp mache, kann nichts mehr passieren, gehe jetzt etwas rabiater durch Macchia und Dornen, ohne Rücksicht auf Kratzer in Stiche, und brauche trotz Sichtkontakt noch eine knappe Stunde, teils auf dem Hintern rutschend, um den Weg endlich zu erreichen, nehme den gut gekennzeichneten Weg ins Tal Richtung Rumbazo, muß dafür aber das untere Guarimiar links liegen lassen, weil mir nicht der Sinn nach einer weiteren querfeldein Tour steht, ich beschließe den allerletzten Tropfen nicht zu trinken, ertappe mich bei dem Gedanken, das es vielleicht köstlich sein könnte, eine dieser Eidechsen, die am Wegesrand vor meinen Schritten flüchten, auszulutschen, ich habe DURST, auch an Rumbazo vorbei, weil ich schon Taco und die Fahrstraße sehe. Vor einem der acht Häuser des Dörfchens steht ein Auto mit laufendem Motor, darin ein grimmig dreinblickender Mann, der aber meinen Gruß freundlich erwidert, so dass ich mich traue, kauderwelschend nach Wasser zu fragen. Sofort steigt er aus dem laufenden Wagen, öffnet das Haus, ruft eine Frau, die mich hereinwinkt und öffnet eine der Türen im Flur. Dahinter befindet sich auf vielleicht sechs fensterlosen Quadratmetern ein Supermarkt, mit kleiner Glaskühltheke und darin Obst und Käseauswahl, an den Wänden Regale mit allem für den täglichen Bedarf, und sogar einer Mini-Eistruhe. Schlaraffia.
Ich gönne mir zu einem Spottpreis zwei Flaschen Wasser, einen Apfel, und die Kanarische Antwort auf CornettoErdbeer, danke vielmals! Draußen dann dieser erste Schluck nach drei Stunden Anstrengung, sag bloß niemand, Wasser hätte keinen Geschmack, so köstlich wird diesen Sommer kein eisgekühltes Bier oder trockener Rioja schmecken können! Erst jetzt nehme ich war, das mein Gesicht salzverkrustet ist, Arme und Beine zerstochen und zerkratzt wie ein Junkie, Lippen aufgeplatzt, und Klamotten voll von Dornen, Pollen, Ästchen und Kletten sind. Jetzt nur noch eine gute Stunde die Straße hinunter nach Santiago
,und es war eine schöne Rundtour mit ein bißchen Abenteuer, dort erst die dicken Blasen an den Füßen entdecken, und grinsend beim ersten Bier im Hafen denken,
Nicolas Cage kann mich mal.

'Gomera'    5. Jun 2007, 19:37    Link    (1 Kommentar)   Kommentieren      497

 


In the Cage
Sie: Du siehst aus wie Nicolas Cage.
Ich: So´n Quatsch!
Sie: Doch, wirklich, mit dieser Brille und in diesem Licht...
Ich: Blödsinn, aber hätte was, ich find den Typen nämlich ziemlich cool.
Sie: Ne, echt, du hast was von ihm, kennst du nicht den Film, wo der voll auf Droge ist, immer betrunken und so...
Jetzt kommt das `Kompliment` so langsam bei mir an.
Heute mal früher ins Bett, morgen rasieren und Wandern!

'Gomera'    5. Jun 2007, 19:32    Link    (0 Kommentare)   Kommentieren      383